Geschichte


Geschichte des Dorfes Laßwitz

 

von Dr. Martin Sprungala

Das Dorf Laßwitz (Lasocice) liegt in der eiszeitlich geprägten Sanderebene von Lissa (Leszno). Die Region südlich des Obrabruches war von Wäldern geprägt. Auf dem sandigen Grund um Lissa befanden sich in der Frühzeit zahlreiche natürliche Lichtungen, die bereits von Menschen besiedelt wurden. Die ersten Hirtensiedlungen stammen aus der Zeit um 2000 v.Chr. Bei archäologischen Untersuchungen fand man ein Vielzahl an menschlichen Kulturspuren, allein vier in Gollmitz (Gołanice), zwei in Alt Laube (Długie Stare) und eine in Laßwitz.

Urkundlich wird Laßwitz erstmals im Jahr 1325 genannt. Die Besiedlung scheint erst kurz zuvor erfolgt zu sein. Das ursprünglich kleine polnische Dorf wurde mit deutschen Bauern nach Magdeburger Recht neu begründet. Die Bedeutung der Region lag zum einen in der Landwirtschaft, zum anderen im Handel. Das Nebenzentrum des Fraustädter Landes war damals die nach 1302 zur Stadt erhobene Nachbarsiedlung Schwetzkau (Święciechowa), die als Einnahmequelle eine Zollstation hatte und dem Benediktinerkloster in Lubin (Lubin, Kr. Kosten) gehörte. Entsprechend diesem kleinen Oberzentrum war das Straßensystem nach hierhin ausgerichtet und die neu angelegten Dörfer sind in der Regel als Straßendorf in Nord-Süd-Richtung angelegt worden, so auch Laßwitz.

Neben diesem alten Straßensystem bildete sich seit der frühen Neuzeit ein zweites aus, das das erste System überlagerte. Mit der Gründung der Stadt Lissa und deren Ausbildung als neuem Oberzentrum des östlichen Fraustädter Landes entstand ein Straßensystem in West-Ost-Richtung, das vom schlesischen Glogau (Głogów) über Fraustadt (Wschowa) nach Lissa führte.

Grundherr in Laßwitz war von Anfang an ein adeliger Grundherr. Im 14. Jahrhundert gehörte der Ort der Familie Lasota herbu Awdank, dann seit dem 16. Jahrhundert der Familie von Leszczyński h. Wieniara, denen auch die Dörfer Striesewitz, Grune und Lissa (Stadtrecht 1547) gehörten. Einen Gutsbezirk gab es in der Neuzeit nicht mehr, vermutlich wurde das eher mittelmäßige bis schlechte Land an die herbeigerufenen Glaubensflüchtlinge vergeben.

Das Dorf wurde von Anfang an mit einer eigenen Kirche angelegt. Bereits in einer Urkunde vom 11.3.1333 wird ein Pfarrer Johannes aus Laßwitz genannt, der immer wieder bis zum Jahr 1371 in alten Dokumenten in Erscheinung tritt. Laßwitz’ historische Bedeutung liegt in seiner Kirchengeschichte und der engen Verbindung mit Lissa begründet. Das Dorf verfügte nicht nur über eine dem Heiligen Franciscus geweihte Kirche, sondern auch eine Altarie. Im Jahr 1514 wurde die Kirche der Lissaer affiliert. Einer Legende zufolge soll die erste evangelische Kirche von den europaweit verfolgten Sozianern gegründet worden sein. Dies ist durchaus möglich, denn im Nachbarkreis, in Schmiegel (Śmigiel), gab es eine der bedeutendsten Sozianergemeinden.

Im Jahr 1560 übergab der Grundherr Rafał v. Leszczyński diese Kirche den böhmischen Brüdern, die bereits seit 1516 in Lissa und den Gütern der Leszczyńskis Aufnahme gefunden hatten. Im Jahr 1548 hatte er 900 aus habsburgischen Landen ausgewiesene böhmische Brüder in Lissa und Laßwitz aufgenommen. Erster evangelischer Pastor in Laßwitz wurde Georg Erast (+ 1581) aus Miedzerzecz in Mähren. Er ging nach zwölf Jahren Seelsorgetätigkeit als Prediger an die Posener Petrikirche und statt seiner kam der dortige Prediger, Gregor Moller ( 1604), nach Laßwitz.

Das Dorf war bereits im Mittelalter als großer Ort angelegt worden, dies belegt die Steuererhebung des Jahres 1579. In „Lassoczicze“ werden damals 23 Hufenbauern, 2 Handwerker, 6 Inlieger mit Vieh, 7 Inlieger ohne Vieh und 3 Schäfer mit 45 Schafen aufgelistet. Das sind weit mehr Steuerzahler als in vielen anderen Dörfern der Umgebung. Daß im 16. Jahrhundert nur Glaubensflüchtlinge als Neusiedler hinzu kamen, belegen die Familiennamen, die sich weitgehend mit denen der z.T. katholischen Dörfer decken. Hier lebten u.a. die Familien Dupke, Frommelt, Gumprecht, Kirste, Lamprecht, Martins, Papmahl, Paschke, Rösler, Sundermeyer, Überfeld, Weiske, Vetter und Weigt. Polnische Familien gab es hier nur sehr wenige. Der Anteil der evangelischen Deutschen lag bei der Volkszählung von 1910 bei 78 %, der der katholischen Deutschen bei 14 % und nur 8 % katholische Polen lebten hier, u.a. die Familien Andrzejewski, Kubiek, Plemca, Sobek, Turkowski und Wachowski.

Mit dem 17. Jahrhundert begann für die Bevölkerung eine schwere Zeit. Im Jahr 1613 suchte die Pest in besonderer Schwere die Region heim und kurz darauf brach der Dreißigjährige Krieg aus, an dem Polen zwar nicht involviert war, dennoch davon betroffen wurde. Als der Krieg das österreichische Schlesien erreichte, tobte auch hier die Gegenreformation und viele verfolgte Protestanten suchten Zuflucht im religiös toleranten Polen. Die an der Grenze gelegenen Kirchen erhielten in jenen Jahren bis 1740 einen regen Zustrom von Pilgern, die aus Schlesien kamen, um hier an einem evangelischen Gottesdienst teilnehmen und ihre Kinder taufen und selbst heiraten zu können. Laßwitz bildete zudem eine Besonderheit, da hier eine reformierte Kirche bestand, die von böhmischen Brüdern und Kalvinisten aus nah und fern aufgesucht wurde.

Noch während des Dreißigjährigen Krieges wurden überall in Großpolen schlesische Glaubensflüchtige aufgenommen. 1633 stiftet der Starost Hieronim Radomski die Fraustädter Neustadt, Graf Przyjemski gründet 1638 die Stadt Rawitsch (Rawicz) und viele andere Städte erhalten Zuzug. 1640 nimmt Bogusław (v.) Leszczyński (1614-1659) 4.000 Lutheranern und Calvinisten aus dem benachbarten schlesischen Guhrau (Góra) in Lissa auf. Sein Vater Rafał (v.) Leszczyński hatte bereits 1628 weitere 1.000 böhmische Brüder in Lissa, Striesewitz und Zaborowo aufgenommen.
Trotz dieser religiösen Toleranz gab es in Polen auch eine starke Gegenreformation. Man ging von staatlicher Seite gegen die Kirchen vor, erzwang deren Rückgabe und verfolgte die „Dissidenten“ wie man die Protestanten in Polen abschätzig nannte. Ihnen fiel auch der dritte Pastor von Laßwitz, Paul Fabricius (+ 1635) zum Opfer. Er mußte vor polnischen Häschern fliehen und starb auf der Flucht in einem Wald bei Lissa. Sein Sohn und zweiter Nachfolger, Andreas Fabricius (1644-61 Pastor), mußte Prozesse um die Kirche führen, die zum Verlust des Kirchengebäudes führte. 1662 wurde das Haus an die katholische Kirche zurückgegeben, obwohl kaum Katholiken im Kirchspiel lebten. Wie überall in Polen gewann die katholische Kirche Immobilien, Grundstücke und Inventar zurück, aber keine Seelen. Folgerichtig wurde die vakante Kirche in Laßwitz im Jahr 1670 an Lissa angegliedert und ging so zugrunde.

Die evangelische Gemeinde baute 1664 eine neue Kirche, die bis 1929 bestand und dann aus Baufälligkeitsgründen 1930 ersetzt werden mußte. Mit Caspar Hartmann erhielt die Gemeinde 1663 auch einen neuen Pastor. Bereits 1665 trat der gebürtige Lissaer Johann Sigismund (1639-1697) an seine Stelle. Als er 1676 nach Thorn weiterzog, blieb die Pfarrstelle fast zwanzig Jahre vakant. In dieser Zeit gab es natürlich auch keinen Zuzug von schlesischen Kirchgängern. 1695 übernahm der Schlesier Heinrich Christof Vechner das Pfarramt. Durch den Überfall Friedrich II. von Preußen auf Schlesien (1740) normalisierte sich die religiöse Frage in Schlesien, denn seither galt – wie in ganz Preußen – auch in Schlesien religiöse Toleranz.

Polen geriet in jener Zeit immer mehr unter den Einfluß seiner Nachbarn und war fast ständig in kriegerische Auseinandersetzungen verstrickt. 1793 kam auch Laßwitz infolge der 2. Teilung Polens zu Preußen. Das stark in Mitleidenschaft geratene, unterentwickelte Land erlebte einen großen Aufschwung, auch wenn in der Ära Napoleon die Kriege weitergingen.

Die Dörfer und Städte Polens waren bis ins 19. Jahrhundert nur aus Holz, Lehm und Stroh gebaut. Die heutige Bebauung stammt aus der Zeit der preußischen Herrschaft und zeigt überall einheitlich Formen auf. Auch in Laßwitz ersetzten nach und nach Ziegelbauten die alten Lehmhäuser. Das 19. Jahrhundert brachte die Bauernbefreiung und den Beginn der Industrialisierung. Auch wenn Laßwitz bis heute landwirtschaftlich geprägt ist, so hat die Moderne das Bild von Dorf und Land doch stark gewandelt. Von großer Bedeutung war in den 1830ern der Bau der Chaussee von Fraustadt nach Lissa, die durch Laßwitz ging. 1856 erhielt Laßwitz den Eisenbahnanschluß an die Linie Lissa – Fraustadt.
Auch die kirchliche Situation wurde vereinheitlicht. In Preußen verfügte König Friedrich Wilhelm III. 1817 die Union der protestantischen Kirchen in Preußen. Seither sollte es nur noch eine unierte Kirche geben. Zur evangelischen Kirchengemeinde Laßwitz gehörten die Dörfer Priebisch (Przybyszewo) und Garthe (Ogrody). Seit der Synode von Lissa (1777), die auf Druck ausländischer Regierungen durchgeführt werden konnte, herrschte in Polen mehr religiöse Toleranz und die Protestanten konnten viele Kirchen gründen und ihre Verhältnisse regeln. Den Lutheranern in Laßwitz und Umgebung wurde es frei gestellt hierher zu gehen oder in die Kreuz-Kirche nach Lissa. 1829 wurden die Lutheraner nach Lissa eingepfarrt. Der Besonderheit der Kirche trug man dadurch Rechnung, daß Laßwitz zum Kirchenkreis Posen II gehörte, der sich aus den reformierten Kirchen des Posener Landes zusammensetzte.

Der 1. Weltkrieg brachte das Wiedererstehen Polens. Im preußischen Teilungsgebiet brach Ende Dezember 1918 der Großpolnische Aufstand aus. Lissa war besonders heftig umkämpft und hier gab es eine äußerst uneinheitliche Frontlinie, da die deutschen und polnischen Dörfer z.T. in Gemengelage vorhanden waren. Lissa konnte sich behaupten, mußte aber aufgrund der Verfügungen des Versailler Vertrages an Polen abgetreten werden. Auch Laßwitz, nun Lasocice, kam nun unter polnische Herrschaft, die der deutschen Bevölkerung trotz des unterzeichneten Minderheitenschutzvertrages viele Härten und Bedrängung brachte. Überall versuchte man deutsche Institutionen zu beseitigen. Die deutsche Schule in Lasocice konnte sich behaupten, nicht aber die Kirche. Nach der Pensionierung des Pastors Maximilian Hippler (1864-1939) im Jahr 1933 wurde kein neuer Seelsorger ernannt und die Gemeinde wurde von der Johanneskirche in Lissa mitverwaltet.

Mit dem Beginn des 2. Weltkriegs kam eine neuerlich schwere Zeit, dieses Mal vor allem für die Polen, die entrechtete Opfer der Rassepolitik wurden. Das Ende des Krieges bedeutete das Ende der 600-jährigen deutschen Geschichte in Laßwitz. Ende Januar 1945 floh die deutsche Bevölkerung vor der Roten Armee und durfte nicht wieder zurückkehren. Die Verbliebenen wurden nach 1945 vertrieben und ein historischer Neuanfang mit einer neuen Bevölkerung begann.

Heute gehört Lasocice zur Gemeinde Święciechowa (Schwetzkau), die wiederum dem Landkreis Leszno (Lissa) unterstellt ist und jener Teil der Wojewodschaft Wielkopolka (Großpolen) ist. Die heutige Bevölkerung lebt zum Großteil vom Anbau von Futtermitteln und der Schweinezucht.

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